KEIN WEIHNACHTEN OHNE wÜRSTEL

Zu Weihnachten gibt’s bei uns Frankfurter Würstel.

Das ist genauso Tradition, wie der Christbaum, die Casali-Schnapsflascherl und die Sternspritzer. Bei meiner Oma, bei der ich aufgewachsen bin, sind am Heiligen Abend auch immer Würstel auf den Tisch gekommen. Als Kind hat mir davor gegraust und bis heute sind sie nicht gerade meine Lieblingsspeise. Aber Tradition, ist halt Tradition. Und Weihnachten ohne Frankfurter, das wäre für mich wie eine Krippe ohne Ochs und Esel.

 

Für meine Oma waren die Würstel das, was für andere Leute die Weihnachtsgans oder der Karpfen sind. Etwas ganz Besonderes. Warum, das hat sie mir nie erzählt, aber ich glaube, dass es etwas mit dem Krieg und dem Hunger damals zu tun gehabt hat. Vielleicht hat es ja beim ersten Weihnachtfest nach Kriegsende bei der Oma Würstel gegeben oder sie waren die Lieblingsspeise meines Opas. Der ist schon gestorben, als ich noch ganz klein war, was aber nicht an den Würsteln gelegen haben muss. Ich habe es nie geschafft, meiner Oma zu sagen, dass ich die Frankfurter eigentlich nicht mag. Irgendwie hatte ich immer Angst, ihr damit das Herz zu brechen. Weihnachten ohne Würstel, das wäre für sie gewesen, wie eine Krippe ohne Stern von Bethlehem.

 

Einmal mussten wir in der Volksschule im Religionsunterricht einen Aufsatz über das Wunder der Heiligen Nacht schreiben. Der Pfarrer war dann ganz empört, weil in meiner Version die Hirten dem Jesuskind nicht nur huldigten, sondern der Heiligen Familie auch Würstel brachten. Aber ich dachte mir, dass die Hirten bestimmt praktisch veranlagt waren und dass Maria und Josef nach alle den Strapazen, die sie hinter sich hatten, sich sicher über die Würstel freuten, die damals wahrscheinlich noch nicht Frankfurter hießen. Der Pfarrer zitierte meine Großmutter zu sich und trug ihr auf, ein streng katholisches Auge auf mich zu haben, weil aus einem kleinen Heidenkind allzu leicht ein ausgewachsener Atheist wird. Meine Oma hat ihm das hoch und heilig geschworen, aber ich glaube, eigentlich hat ihr meine Geschichte mit den Würsteln gefallen, denn sie hat nicht mit mir geschimpft.

 

Meiner Frau und meinen Kindern schmecken die Würstel auch nicht besonders, aber sie essen sie mir zuliebe, so wie ich es für meine Oma getan habe. Das ist sozusagen ihr kollektives Familienweihnachtsgeschenk an mich. Sogar mein Ältester, der schon seit ein paar Jahren Vegetarier ist, tut so, als würde er am Heiligen Abend eine Ausnahme machen und die Würstel mit Genuss verspeisen. In Wirklichkeit lässt er sie, wenn ich gerade wegschaue, stückchenweise unter dem Tisch in einem Sackerl verschwinden. Später in der Nacht verfüttert er sie auf der Terrasse an die Katzen. Das glaubt er zumindest. Aber nicht einmal unsere Katzen mögen die Würstel und deshalb räume ich sie am Christtag, zeitig in der Früh weg, damit mein Sohn nicht merkt, dass ich weiß, was er damit tut. Genaugenommen machen die Frankfurter unser Fest ein wenig kompliziert und trotzdem wäre Weihnachten ohne Würstel für mich undenkbar. Das wäre wie eine Krippe ohne Hirten.

 

Ganz bestimmt wäre der Heilige Abend bei uns ohne Würstel auch nicht so feierlich. Wir essen sie nämlich immer knapp vor der Bescherung und außer mir sind dann alle so froh, dass sie es hinter sich haben, dass sie schon deshalb in ganz festliche Stimmung kommen – noch bevor wir die Kerzen am Christbaum anzünden und Stille Nacht singen, nicht sehr schön, wie ich zugeben muss, aber mit Begeisterung. Manchmal tut mir das Christkind leid, wenn ich mir vorstelle, was es sich am Heiligen Abend da so alles anhören muss. Wenn ich ein Künstler wäre, ich würde ein Christkind schnitzen, das sich die Ohren zuhält.

Vermutlich hat der Pfarre damals doch recht gehabt. In der Tiefe meines Herzens bin ich ein Heidenkind.

 

Im Vorjahr wäre unser Weihnachtsfest beinahe zum Desaster geworden. Wegen eines wichtigen Projekts musste ich auch am 24. Dezember noch arbeiten und deshalb stürmte ich erst ganz kurz vor dem Ladenschluss in den Supermarkt. Und so unglaublich es klingt – es gab dort keine Frankfurter mehr, nicht einmal mehr verpackt oder eingefroren. 

Offenbar essen viel mehr Leute zu Weihnachten Würstel, als ich mir je hätte träumen lassen. Letztlich blieb mir nichts anderes übrig, als vegane Frankfurter zu kaufen. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnte habe, aber Weihnachten, ohne Frankfurter, das wäre für mich wie eine Krippe ohne Maria und Josef. 

 

Unser Großer hat an diesem Weihnachten seine Würstel mit Begeisterung gegessen, dafür haben wir anderen, wenn er gerade nicht hergeschaut hat, sie stückchenweise unter dem Tisch in Sackerln verschwinden lassen. Und in der Nacht habe ich sie dann für die Katzen auf die Terrasse gelegt. Nicht weil ich geglaubt habe, dass sie sie fressen werden, aber ich hänge halt an Traditionen.

In der Früh wollte ich die Würstel dann wegräumen, aber sie waren nicht mehr da. Seitdem sehe ich unsere Katzen mit anderen Augen. Ich muss zugeben, so gewundert habe ich mich noch nie zu Weihnachten, auch wenn es ja als die Zeit der Wunder gilt. 

 

Heuer habe ich die Frankfurter rechtzeitig besorgt, um das Fest nicht wieder zu gefährden. Dabei habe ich aber ein wenig geschummelt. Denn mein Großer und auch die Katzen bekommen vegane Würstel. Ich glaube meine Großmutter, Gott hab sie selig, wird mir den Schwindel verzeihen.

 

Meine Frau ermahnt mich jedes Jahr, dass ich ob meiner Würstelobsession doch nicht vergessen soll, worum es bei Weihnachten eigentlich geht. Um die Familie, um die Liebe, die uns verbindet, um den Frieden und natürlich vor allem um das Kind, das vor mehr als 2000 Jahren geboren wurde, um die Welt zu heilen.

Ich weiß ja, dass meine Frau Recht hat und dass es eigentlich egal ist, was am Heiligen Abend auf die Teller kommt. Aber ich kann halt nicht aus meiner Haut.

Und Weihnachten ohne Würstel, das wäre für mich wie eine Krippe ohne Christkind!