Der Tote,

 

der nicht sterben konnte


Prolog

 

 

 

 

 

Ausgerechnet in einer österreichischen Kleinstadt trafen ein Vogelgrippevirus, ein Schweinegrippevirus und ein Kakerlakengrippevirus aufeinander und verschmolzen zu einem monströsen Supervirus.

 

Von der Kakerlakengrippe hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand auf dieser Welt etwas gehört, was eigentlich seltsam war, da gerade Kakerlaken ein durchaus beliebtes Forschungsobjekt darstellten. Aber entweder hatten die Wissenschaftler die rasant steigende Todesrate unter den Schädlingen tatsächlich nicht registriert, oder, was viel wahrscheinlicher ist, sie hatten sie nicht an die große Glocke gehängt. Wen hätte das außerhalb ihrer wissenschaftlichen Gemeinschaft auch interessieren oder gar schockieren sollen, war doch die Ansicht weit verbreitet, dass nur eine tote Kakerlake eine gute Kakerlake ist.

 

So gedieh und verbreitete sich die Kakerlakengrippe im Geheimen.

 

Im Nachhinein wurde das vor allem von Verlegern diverser Massenmedien zutiefst bedauert: Denn wäre die Kakerlakengrippe frühzeitig entdeckt worden, was hätten sie aus ihr nicht machen können? Wieviel Geld hätten sie damit verdienen können?

 

Ein paar gezielte Schlagzeilen, dass das Virus vermutlich auch für Menschen gefährlich, wenn nicht sogar lebensbedrohlich sei, hätten die Kakerlakengrippe, da die Schädlinge ja ohnehin als Überträger von Krankheiten galten, zweifellos zur Supernova der globalen Panikmache werden lassen. Denn Kakerlaken hört man nicht, man riecht sie nicht, man sieht sie meist auch nicht – und doch sind sie überall! Keine Hausfrau und natürlich auch kein Hausmann hätte mehr sicher sein können, ob ihre oder seine Küche nicht längst zum bedrohlichen Infektionsherd mutiert war, und das hätte sich in Zeitungsartikeln und Fernsehberichten ganz hervorragend ausschlachten lassen! Natürlich hätten die Boulevardzeitungen dann auch darauf hinweisen müssen, schließlich sind Journalisten bedingungslos der objektiven Wahrheit und der lückenlosen Information ihrer Leser verpflichtet, dass dort, wo Migranten oder Asylwerber wohnten, besonders häufig Kakerlaken auftraten. Irgendeine Studie, die das belegte, hätte sich mit entsprechendem Geldeinsatz sicher rasch organisieren lassen. Bezugnehmend darauf wäre es dann wohl naheliegend gewesen, in dem einen oder anderen Artikel, ganz beiläufig, die Vermutung einfließen zu lassen, dass die Kakerlakengrippe von Flüchtlingen vielleicht sogar absichtlich eingeschleppt worden war – als terroristischer Akt. Gezielt geschürte Panik vor einer Pandemie, gewürzt mit einer Prise Fremdenfeindlichkeit war –­ das wusste jeder Herausgeber einer Boulevard-Zeitung – ein Gericht, das sich trefflich verkaufte. Die Auflagen der einschlägigen Revolverblätter hätten bestimmt nie zuvor erreichte Höhen erklommen.

 

 

 

Verlorenen Umsätzen trauerten aber auch manche Manager von Pharmakonzernen nach, denn hätten sie früher von der Kakerlakengrippe erfahren, wäre es wohl auch für sie, vielleicht sogar in Zusammenarbeit mit Boulevardblättern, eine Kleinigkeit gewesen, die Angst vor einer gefährlichen Mutation des Virus zu schüren. Genau genommen hätten sie damit, wie die Entwicklung bewies, ja nicht einmal Unrecht getan. Ein mehr oder weniger wirksamer Impfstoff, der – über den Daumen gepeilt, mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit – einer Ansteckung vorbeugte, wäre dann bestimmt auch rasch zur Hand und der Politik zur Beruhigung der Massen natürlich willkommen gewesen. Wie hätten da die Kassen geklingelt!

 

 

 

Doch als die Kakerlakengrippe bei der Erforschung des schon angesprochenen Supervirus endlich ans wissenschaftliche Tageslicht trat, war die Bedrohung, die von diesem ausging, schon so groß, dass man der Kakerlakengrippe selbst kaum noch Beachtung schenkte. Interessant war sie da nur noch für ein paar Wissenschaftler, die erforschten, welchen Beitrag sie zur Entstehung des Supervirus geleistet hatte, und die sich aus ihrer genauen Analyse Ansätze für ein mögliches Gegenmittel erhofften.

 

 

 

Der neue Erreger hatte zu dieser Zeit längst begonnen, die Welt zu verändern – in einer Weise, wie es nie jemand für möglich gehalten hätte. Dabei dauerte es eine ganze Weile, bis die Verantwortlichen begriffen, auf welche Katastrophe die Menschheit tatsächlich zusteuerte. Und es mag anfangs sogar Wissenschaftler und Politiker gegeben haben, die sich nicht sicher waren, ob das Virus eine Gefahr oder vielleicht eine Chance darstellte – die Chance auf ewiges Leben.

 

Für mich hat sich diese Frage nie gestellt. Für mich war und ist das Virus ein Fluch, der grausamste Fluch, der einen Menschen treffen kann. Und ich muss es wissen, denn ich war einer der ersten, der sich mit dem Erreger infizierte und seine Wirkung zu spüren bekam, wenn nicht überhaupt der Erste – vor so langer Zeit …!

 

Ganz bestimmt aber war ich der erste Mensch, bei dem das Ambrosia-Virus zutage trat. Wissenschaftler haben es so benannt, nach jener Speise, die den griechischen Göttern der Sage nach ihre Unsterblichkeit verlieh.

 

Wie irreführend dieser Name doch ist. Denn mit Unsterblichkeit hat mein Zustand nur wenig zu tun … aber ich will nicht vorgreifen.

 

 

 

Natürlich frage ich mich, wie wohl jeder andere Betroffene auch, warum das Virus gerade mich befallen hat, und ich hadere mit dem Schicksal.

 

War ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort?

 

War es Pech oder vielleicht doch Bestimmung?

 

Ich habe mich immer geweigert, mein Dasein als ein von höheren Mächten gegängeltes zu sehen.

 

Inzwischen weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll.

 

Dafür weiß ich aber ganz genau, was ich, Martin Heinz, sein will: Tot!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unfall

 

 

 

 

 

Die Leitschiene bohrte sich schräg durch das Seitenfenster.

 

Martin Heinz sagte später einmal in einem Interview, dass er diesen Moment nie vergessen werde, sein ganzes Leben lang nicht ­ was ihn natürlich augenblicklich zum Schmunzeln brachte. Sein Leben lang?

 

Wie leicht man doch in alte Redensarten verfiel!

 

Tatsächlich war es ein wenig absurd, von Heinz´ Existenz als Leben zu sprechen. Zum Zeitpunkt des Unfalls ahnte er das aber natürlich selbst noch nicht. Heinz sah, wie das Metallstück die Scheibe zertrümmerte, und er sah unzählige kleine Glassplitter auf sich zuwirbeln fast wie Blumensamen in einem heftigen Windstoß. Viele von ihnen schlugen in sein Gesicht und ließen auf seiner Haut kleine rote Rosen aus Blut erblühen.

 

All dies geschah seltsamerweise in vollkommener Stille. Heinz hörte kein Krachen, kein Kreischen, ja nicht einmal seine eigenen Schmerzensschreie, als ihn die Glassplitter trafen. Heinz wusste, dass er schrie – denn seine Stimmbänder vibrierten, sein Mund stand weit offen und seine Zunge zuckte darin herum wie eine erregte Schlange, doch er hörte keinen Ton. Es war, als sei er in einer Blase völliger Lautlosigkeit gefangen.

 

Zudem schien sich nun auch noch die Zeit zu verlangsamen. Hatten ihn die Glassplitter regelrecht angesprungen, so wirkte die Leitschiene in ihrer Bewegung plötzlich wie eingefroren. Ganz langsam schob sie sich auf ihn zu, wie ein Jäger, der genau weiß, dass ihm seine Beute nicht mehr entrinnen kann. Hast war unnötig. Die Leitschiene war beim Aufprall des Autos zerbrochen und jenes Stück, das sich zu Heinz ins Innere des Wagens bohrte, war spitz wie ein Speer. Er hatte viel Zeit, es zu betrachten. Der Augenblick dehnte sich zur Ewigkeit. Es war genauso, wie er es aus Berichten von Menschen kannte, die an der Schwelle des Todes gestanden hatten – vielleicht mit einem Fuß schon im Jenseits und die reanimiert worden waren. Er hätte in diesen Momenten sein ganzes Leben ein zweites Mal leben können. Er hätte seine guten Taten nochmals vollbringen können und auch die schlechten. Vielleicht war dieses Herausgehoben-Sein aus der Zeit ja genau jener Zustand, den die Christen Fegefeuer nannten Gelegenheit, um Vergebung zu flehen, durch Todesangst seine Sünden zu büßen und die Gnade, sich von dieser Welt zu verabschieden. Heinz nutzte diese Chance allerdings nicht. Stattdessen schaute er mit fast wissenschaftlichem Interesse an sich hinunter und überlegte, wo ihn das Metall wohl treffen würde.

 

In die Brust ...?

 

Nein, dazu kam es zu schräg herein. 

 

Tiefer!

 

In den Bauch?

 

Ja, in den Bauch!

 

Unwillkürlich spannte Heinz die Muskeln in einer völlig sinnlosen Abwehrreaktion – denn gegen ein spitzes Metallstück hätte ihm auch ein Sixpack, das er ohnehin nicht hatte, wenig geholfen. Heinz war kein Sportler, aber er war mit seinen 45 Jahren noch einigermaßen in Form – hatte zwar einen Bauchansatz, aber den Kampf gegen überflüssige Kilos noch nicht endgültig verloren gegeben. Wann immer es seine Zeit zuließ, radelte er auf dem Hometrainer und absolvierte ein Übungsprogramm für die Wirbelsäule. Er war im mittleren Management eines großen Konzerns tätig, der Einrichtungen für Einkaufstempel herstellte. Deshalb verbrachte er viel Zeit im Auto oder vor dem Schreibtisch und lümmelte oft im Sessel, was sein Kreuz dann regelmäßig mit heftigen Schmerzen quittierte.

 

Erneut prüfte Heinz den Einfallswinkel der Leitschiene. Sie würde auf Höhe des Magens in ihn eindringen, diesen durchstoßen, ganz nebenbei auch noch seine Nieren zerfetzen, und seine Gedärme zerreißen!

 

Heinz hatte in seiner Jugend überlegt, Arzt zu werden, hatte sogar zwei Semester Medizin studiert, dann aber erkannt, dass er einen Hang zum Hypochonder hatte, was ihn eindeutig für diesen Beruf disqualifizierte. Auch für die Chirurgenlaufbahn war er ungeeignet, denn als er das erste Mal ein Tier sezieren durfte, fühlte er eine fast unwiderstehliche Versuchung in sich, mit dem Skalpell einfach alle Organe aus dem Körperinneren herauszuschneiden. Heinz war zu jener Zeit ein fanatischer Puzzlespieler und es reizte ihn, herauszufinden, ob er die Ratte, die da vor ihm lag, wohl wieder richtig zusammensetzen könnte. In diesem Moment wurde Heinz klar, dass er gegen diese Versuchung bestimmt auch bei jedem menschlichen Körper egal ob tot oder lebendig , der später vor ihm am Operationstisch liegen würde, ankämpfen müsste und dass er ihr auf Dauer bestimmt nicht widerstehen konnte.

 

Also ließ er das Medizinstudium bleiben.

 

Hätte er geahnt, dass er schon ein paar Monate später von seinem Puzzle-Fieber geheilt werden würde, hätte er sich vielleicht anders entschieden. Seine erste große Liebe brach ihm das Herz in mehrere Teile und so sehr er sich auch bemühte, er konnte die Stücke nicht mehr richtig zusammenfügen. An dieser eigentlich so einfach scheinenden Aufgabe scheiterte er und von da an hasste Heinz Puzzles.

 

Das Mädchen hieß Anja, war um zwei Jahre älter als er, und hatte wohl von Anfang an keine festen Absichten ihn betreffend. Sie war Kunststudentin, trug sehr bunte, kurze und aufreizende Kleider und brauste mit ihrem lauten und selbstbewussten Wesen wie ein Sommersturm durch die Gänge der Uni. Dabei stieß sie eines Tages gegen den etwas tollpatschigen und schüchternen Medizinstudenten. Die Bücher, die sie im Arm gehalten hatte, fielen zu Boden und obwohl doch eigentlich sie ihn gerammt hatte, murmelte er eine Entschuldigung und bückte sich sofort, um sie aufzulesen. Dabei stellte er sich aber derart ungeschickt an, dass sie gleich noch einmal am Boden landeten. Anja fand ihn süß und kniete sich nieder, um ihm zu helfen. Er gefiel ihr, mit seinen großen, graugrünen Augen, seinen kurzen, schwarzen Haaren und dem Grübchen unter dem Kinn. Sie beugte sich absichtlich ein wenig weiter nach vorne als nötig, um ihm einen Blick in ihren Ausschnitt zu gewähren. Wie üblich trug sie keinen Büstenhalter und so konnte er die wohlgeformten Rundungen ihrer Brüste und sogar deren rosige Knospen bewundern. Heinz wurde augenblicklich rot wie eine Tomate, konnte den Blick aber nicht abwenden. Sie fand das süß und entschied sich spontan zu einer kurzen Affäre mit ihm. Er passte von seinem Aussehen her zwar nicht so wirklich in ihr Beuteschema das waren dann doch eher besser gebaute und vor allem selbstbewusstere junge Männer aber sie war sich ziemlich sicher, dass er noch Jungfrau war. Und es hatte für sie einen besonderen Reiz, einen offensichtlich unerfahrenen Jüngling in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einzuweihen.

 

Heinz hingegen war ihr vom ersten Augenblick an völlig verfallen, dachte, sie sei die Frau seines Lebens und malte sich, wenn sie nach dem Liebesakt erschöpft im Bett lagen, insgeheim schon ihre Zukunft aus, mit einem Häuschen an einem See, zwei Kindern und einem Hund. Heinz kam aus einem gutbürgerlichen Haus und hatte die konservativen Werteinstellungen seiner Eltern übernommen. Zwar lehnte er sich zu Beginn seines Studiums doch ein wenig gegen die Anker auf, die seine Erziehung im Unterbewussten hinterlassen hatte, das war aber nur eine halbherzige Rebellion.  

 

Vier Wochen nach Beginn ihrer Romanze lernte Anja einen jungen Kunststudenten aus Spanien kennen, der ein Auslandssemester in Wien absolvierte. Er war unkonventionell, malte abstrakte, farblich sehr aggressive Bilder, die seine Ablehnung der Gesellschaft und jeglicher Konventionen zum Ausdruck bringen sollten, und eroberte Anja im Sturm. Sie gab Heinz den Laufpass, zerbrach damit sein Herz, verdarb ihm auf alle Zeiten jeglichen Zugang zur bildenden Kunst und setzte außerdem eine hartnäckige Abneigung gegen alles Spanische in ihm fest. Davon konnte er sich erst als Ambrosianer befreien.  

 

 

 

Immerhin wusste Heinz durch seinen kurzen Abstecher in den Bereich der Medizin noch recht gut über die Anatomie des Menschen Bescheid und deshalb war ihm nun auch klar, dass er sterben musste. Die Verletzungen, die ihm die Leitschiene zufügen würde, konnte er nicht überleben, egal wie schnell Hilfe kam. Seltsamerweise entsetzte Heinz diese Erkenntnis nicht. Sein Gehirn analysierte die Lage ganz nüchtern. Irgendwie hatte er schon immer geahnt, dass ihm das Auto eines Tages zum Verhängnis werden würde. Er war, wie schon erwähnt, aus beruflichen Gründen viel unterwegs und manchmal war ihm – als er in den Wagen stieg – durchaus schon der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass er ihn vielleicht nicht unversehrt verlassen würde.

 

Aber nicht an diesem Morgen.

 

Da hatten ihn zu viele andere Dinge beschäftigt. Wichtige Termine! Ein großer Auftrag stand kurz vor dem Abschluss. Für heute war das letzte Gespräch mit dem Kunden anberaumt.

 

Heinz musste schmunzeln.

 

Wie schnell sich doch die Wertigkeiten ändern.

 

Plötzlich hatte in seinem Leben nur noch diese Leitschiene Bedeutung. Das Metall war inzwischen wenige Millimeter von seinem Leib entfernt und er zog instinktiv den Bauch ein, um noch ein wenig mehr Zeit zu gewinnen – und sei es nur für die Dauer eines Lidschlags.  

 

Mit einem Mal keimte doch Bedauern in Heinz auf. Keine Angst, keine Panik, aber Bedauern. Er dachte an die vielen Dinge, die in seinem Leben nun unerledigt bleiben würden. Er wollte noch nicht gehen. Es gab noch so viel zu tun. Auf einmal erschienen ihm selbst öde geschäftliche Verabredungen, die ihn sonst nur belasteten, unendlich erstrebenswert, und jetzt rebellierte auch sein Verantwortungsbewusstsein gegen das nahe Ende. War der Tod wirklich Grund genug, um diese enorm wichtige geschäftliche Verabredung sausen zu lassen? Was, wenn seiner Firma durch sein Versagen der Großauftrag entging?

 

Kurz überlegte Heinz, ob er es vielleicht noch schaffen könnte, mit dem Handy seine Sekretärin anzurufen, um ihr mitzuteilen, dass ihn gleich eine Leitschiene durchbohren werde und deshalb ein Kollege seinen Termin übernehmen müsse – und dass sie außerdem alle anderen geschäftlichen Verabredungen auf unbestimmte Zeit absagen solle, oder besser noch für immer. Heinz wollte nicht, dass jemand unnötig auf ihn wartete, denn obwohl der Spruch abgedroschen klang, war er im tiefsten Inneren doch davon überzeugt, dass Zeit tatsächlich Geld war.

 

Doch Heinz´ Handy war nicht greifbar. Es war beim Aufprall vom Beifahrersitz gerutscht und lag nun irgendwo auf dem Boden des Autos.

 

Heinz blickte wieder auf die Leitschiene.

 

Und plötzlich hasste er sie.

 

Woher nahm dieses leblose Stück Metall das Recht, ihm seine Zukunft zu rauben?

 

Erst jetzt kamen ihm seine Frau und seine Kinder in den Sinn. Sofort verspürte er Gewissensbisse. War ihm die Arbeit tatsächlich so viel wichtiger als seine Familie? Sogar im Angesicht des Todes hatte er zuerst an seine geschäftlichen Termine gedacht, statt an seine Lieben zuhause – dabei ging es doch um deren Zukunft. Wie würden sie weiterleben ohne ihn? Wovon würden sie leben?

 

Seine Frau hatte zwar einen Halbtagsjob, aber davon konnte sie bestimmt nicht alle anfallenden Kosten bestreiten. Immerhin würde sie mit seiner Lebensversicherung aber den ausstehenden Hauskredit abdecken können. Dieser Gedanke beruhigte Heinz ein wenig.

 

Er rief sich das Bild seiner Frau vor Augen. Sie hieß Evelyn und war zwei Jahre jünger als er. Sie war keine klassische Schönheit, hatte aber ein hübsches Gesicht, brünette, gelockte Haare, und vor allem ein hinreißendes Lächeln. Tatsächlich hatte sich Heinz zuerst in dieses Lächeln verliebt, dann erst in die Frau selbst. In den ersten Jahren ihrer Beziehung war Evelyn sehr schlank gewesen, doch zwei Schwangerschaften hatten Spuren hinterlassen und ihre Gestalt deutlich aufgeweicht. Heinz bedauerte das, denn er fand schlanke Frauen mit großen Brüsten außerordentlich erotisch. Bei Evelyn kämpften inzwischen Bauch und Brüste um die dominante Stellung am Körper. Heinz hatte sich längst eingestanden, dass inzwischen mehr Gewohnheit als Liebe und vermutlich auch das Verantwortungsgefühl den Kindern gegenüber ihre Ehe zusammenhielten. Mit der Treue nahm Heinz es nicht so genau. Er hatte seine Frau auf Geschäftsreisen schon öfter betrogen, aber das war nur Sex gewesen. Mit Liebe hatte das nichts zu tun gehabt, es war eher Teil des Geschäfts. Schließlich durfte man den Gastgeber einer Tagung, der sich so viel Mühe mit dem abendlichen Rahmenprogramm gegeben hatte, doch nicht vor den Kopf stoßen. Das hätte leicht den Verlust eines Auftrags bedeuten können. So funktionierte eben das Wirtschaftsleben. Evelyn hätte das nicht verstanden, das wusste Heinz, und darum hatte er ihr nie etwas davon erzählt.

 

Wenn auch ihre Liebe abgekühlt war und seine Frau und er ihre gemeinsamen Abende meist schweigend vor dem Fernsehgerät verbrachten, so war seine Familie für Heinz doch stets ein sicherer Hafen, von dem aus er zu seinen beruflichen Abenteuern aufbrechen konnte, und der ihn wieder aufnahm, wenn er aus geschäftlichen Stürmen und Untiefen erschöpft und manchmal auch mit Blessuren heimkam.

 

Heinz und Evelyn hatten eine Tochter und einen Sohn. Brigitte war 16 Jahre alt, Felix 14. Martin Heinz sah sie nicht sehr oft, weil sie in ihren Zimmern eine Art Eremitendasein führten und sich meist nur zur Nahrungsaufnahme blicken ließen – oder um sich von ihm Geld abzuholen. Da ihre Schulleistungen stimmten, sie weder rauchten, tranken, noch Drogen nahmen, sah er meist auch keinen Grund, ihnen dieses zu verweigern, weswegen sich auch die Konflikte mit seinen Kindern in Grenzen hielten. Heinz hatte in der Familie vor allem die Rolle des Ernährers inne und erfüllte diese zur Zufriedenheit. Hätte ihn an diesem Morgen jemand gefragt, wie sein Verhältnis zu seinen Kindern sei, hätte er wohl mit Überzeugung geantwortet: „Sehr gut!“

 

Doch jetzt da der nahe Tod sein Leben ins unbarmherzige Scheinwerferlicht der Selbsterkenntnis tauchte, das jeden noch so kleinen Selbstbetrug schonungslos enthüllte wurde ihm klar, dass er eigentlich nichts von seinen Kindern wusste. Wer waren ihre Freunde? Welche Musik hörten sie? Wie dachten sie über Liebe, Sex und Ehe? Und welche Meinung hatten sie zu politischen Themen? Was wollten sie einmal werden?

 

Heinz vermutete, dass seine Frau all diese Fragen hätte beantworten können, er aber nicht – und er würde all dies auch nicht mehr erfahren.

 

Ob Evelyn um ihn trauern würde?

 

Oder hatten er und sie sich schon so weit voneinander entfernt, dass sie zwar mit Betroffenheit auf seinen Tod reagieren würde, aber nicht mehr?

 

Diese Vorstellung tat ihm weh und er fragte sich plötzlich, ob er überhaupt jemand fehlen würde? Auch seine Freundschaften kamen ihm auf einmal sehr oberflächlich vor.

 

Bitterkeit sprang Heinz an wie ein hungriger Tiger. Er hatte mit einem Male das Gefühl, versagt, im Leben die falschen Prioritäten gesetzt zu haben, und er hatte nun keine Chance mehr, etwas daran zu ändern. Bei diesem Gedanken kochte rasende Wut in ihm empor.

 

Diese verdammte Leitschiene machte alles zunichte.

 

Heinz konzentrierte all seine Empörung auf das Metallstück. Vielleicht war das aber auch nur eine Art Selbstschutz, um nicht in den letzten Augenblicken seines Lebens auf sich selbst zornig sein zu müssen. Denn natürlich wusste er, dass der Unfall allein seine Schuld war. Er hatte es zu eilig gehabt und war zu schnell in die Kurve eingefahren. Die Fahrbahn war nass und die Reifen blockierten. Der Wagen kam ins Schleudern und prallte mit voller Wucht gegen die Leitschiene, die zerbrach …

 

Das Metallstück war ihm nicht aus eigenem Antrieb und in böswilliger Absicht ins Auto gesprungen. Trotzdem gab ihm Heinz die ganze Schuld an seinem Unglück.

 

Die Leitschiene war jetzt ganz nahe.

 

Heinz spürte unvermutet eine starke sexuelle Erregung in sich aufwallen. Es war fast so, wie in dem Augenblick, bevor er in den feuchten Schoß einer Frau eindrang, mit dem Unterschied, dass diesmal er selbst penetriert werden würde – von einem gleichgültigen, kalten Stück Metall. Heinz spürte, wie das Blut in sein Glied schoss und es so hart werden ließ, wie niemals zuvor.

 

Dann berührte die Leitschiene seine Bauchdecke.

 

Es war wie eine Erlösung.

 

Das Warten hatte ein Ende.

 

Plötzlich lief die Zeit wieder normal schnell und das spitze Metallstück spießte Heinz auf. Es war so dick, dass es seine Gedärme und seinen Magen zu Brei zermanschte. Ihm schoss der irrwitzige Gedanke durch den Kopf, dass er jetzt wohl der ideale Lagerfeuer-Snack für einen Riesen wäre: Mensch am Spieß. Heinz musste lachen und spuckte Blut dabei. Und dann kam der Schmerz und mit ihm kam auch der Lärm. Er hörte ohrenbetäubendes Krachen und ein seltsames Quietschen, Laute wie von einem Schwein, das abgestochen wird. Er wusste genau, wie diese Tiere im Augenblick höchster Not schrien, weil er in seiner Kindheit seinem Onkel und seiner Tante oft beim Schlachten geholfen hatte. Seine Aufgabe war es immer gewesen, das Hinterbein des Schweins, an dem ein Strick befestigt war, so weit wie möglich nach hinten zu ziehen, damit das Tier in seiner Bewegung gehemmt war, und der Onkel ihm ungehindert die Kehle durchschneiden konnte.

 

Heinz begriff, dass er selbst es war, der jetzt so schrie. Plötzlich fragte er sich, ob er gerade womöglich die Rache der Schweine erlebte, an deren Tod er eine Mitschuld trug? Vielleicht gab es ja einen Tierhimmel und seine Opfer saßen alle dort oben und sahen ihm nun begeistert beim Sterben zu.

 

Heinz schüttelte unwillkürlich den Kopf. Er halluzinierte schon.

 

Der Schmerz war jetzt unerträglich und er hoffte, dass nun alles sehr schnell ging.

 

Mit letzter Kraft öffnete er die Arme, um den Tod willkommen zu heißen …

 

 

 

Zwei Stunden später schrie er immer noch.

 

Er lag im Auto und die Leitschiene steckte nach wie vor in seinem Bauch. Die Feuerwehrmänner hatten es erst vor wenigen Minuten geschafft, überhaupt an ihn heranzukommen, weil sich das Metall des Wagens durch die Wucht des Aufpralls regelrecht zusammengefaltet hatte. Die Retter mussten das Auto praktisch scheibchenweise auseinandernehmen. Jetzt endlich waren sie dabei, mit Schneidegeräten das Metallstück vor Heinz´ Bauch zu durchtrennen – aber das war ein sehr mühsames Unterfangen. Die Leitschiene heizte sich dabei so sehr auf, dass Heinz das Gefühl hatte, bei lebendigem Leib gebraten zu werden, und jede Erschütterung, die das Metall durchlief, bereitete ihm höllische Schmerzen. Er brüllte und brüllte – schrie sein Leid, sein Entsetzen und vor allem seine Ratlosigkeit hinaus.

 

Warum lebte er noch?

 

Die Leitschiene hatte den Magen, die Därme und auch noch die Nieren zerfetzt, wie er es vorhergesehen hatte. Das Blut war fast wie die Fontäne eines Springbrunnens aus ihm herausgeschossen. Die Haut an seinen Händen war völlig weiß und trocken wie Pergament – es konnte nicht mehr viel Flüssigkeit in seinem Körper sein, zumal es aus seinen Wunden, obwohl sie nicht verbunden waren, jetzt nur noch ganz leicht tröpfelte. Der Notarzt hatte anfangs natürlich versucht, die Blutung zu stillen, aber bald aufgegeben. Wo hätte er auch beginnen sollen? Heinz´ Bauch war eine einzige, riesige Wunde und außerdem mit einer Leitschiene verstopft.

 

Heinz hätte längst tot sein müssen, daran gab es keinen Zweifel. Mit dieser Einschätzung war er übrigens nicht allein. Er las sie auch in den entsetzten Augen der Feuerwehrleute, die an der Leitschiene herumhantierten.

 

„Warum stirbst du nicht?“, fragten ihn ihre anklagenden Blicke. „Warum schreist du stundenlang und machst die ohnehin schon schreckliche Arbeit, dich aus dem Auto zu schneiden, zu einem endlosen Albtraum?“

 

Wie gerne hätte Heinz ihnen den Gefallen getan und wäre gestorben.

 

Aber er lebte.

 

Unerbittlich!