Auszug aus der Geschichte

Die zweite Chance

Ein Weihnachtsmärchen

 

Punkt Mitternacht an diesem Weihnachtstag verschwand alles Geld aus dieser Welt.

Es löste sich auf. Einfach so.

Kein noch so gutes Versteck bot Schutz. Das Geld verschwand aus Sparschweinen, aus Spar-Strümpfen, aus Nachttöpfen, aus hohlen Bettbeinen, aus Bienenhütten, aus Terrarien voll mit giftigen Schlangen ja sogar aus dem Geheimfach in der Silikonbrust einer Prostituieren, die dort ihren Notgroschen aufzubewahren pflegte.

Eine Minute lang hielt die Welt den Atem an.

 

 

 

Eine Minute nach Mitternacht brach das Chaos aus.  

 

In den Polizeistationen begannen die Telefone verrückt zu spielen, in den Banken heulten die Alarmsirenen und in Restaurants kam es zu wüsten Schlägereien zwischen Kellnern und Gästen, weil diese plötzlich ihr Essen nicht mehr bezahlen konnten. Ein Bankdirektor der just in dem Moment den Safe aufmachte als das Geld verschwand, riss erschrocken die Arme in die Höhe, öffnete den Mund zu einem schrillen Schrei – und versteinerte vor Entsetzen. Später wurde er auf einem öffentlichen Platz aufgestellt, als ewige Erinnerung an diesen Augenblick der die Welt veränderte.

 

 

 

Um 1 Uhr schwebte die Erde am Rande eines atomaren Vernichtungskrieges. Die Staatschefs waren durch die ungeheuerliche Nachricht aus dem Bett, vom Mittagstisch und sogar aus dem Bordell geholt worden. Sie alle waren deshalb übel gelaunt und beschuldigten sich gegenseitig. mit einer neuen Waffe das Geld zum Verschwinden gebracht zu haben. Viele Daumen schwebten nur Millimeter über den roten Knöpfen mit denen sie die Atomraketen starten konnten.   

 

 

 

Um 2 Uhr war die akute Krise überstanden. Inzwischen war klar geworden, dass alle Länder von der Katastrophe betroffen waren.    

 

 

 

Um 3 Uhr herrschte völlige Ratlosigkeit. Auch die Wissenschaftler hatten keine Erklärung für das Verschwinden des Geldes anzubieten.  

 

 

 

Um 4 Uhr versuchten die ersten Staaten neues Geld zu drucken. Doch die Scheine und Münzen verschwanden im selben Augenblick in dem sie aus den Druck- und Prägmaschinen kamen.

 

 

 

Um 5 Uhr war klar, dass es unmöglich war, neues Geld herzustellen.

 

 

 

Um 6 Uhr kam die Hiobsbotschaft, dass auch alle Goldvorräte von dieser Erde verschwunden waren – überhaupt alles was sich als Zahlungsmittel verwenden ließ.

 

 

 

Um 7 Uhr erklärten die Regierungschefs aller Länder in nie gekannter Eintracht den globalen Notstand. Angesichts dieser weltweiten Katastrophe müsse man nun zusammenarbeiten, hieß es in ihrem Kommunique. Alle Streitigkeiten seien bis auf weiteres eingestellt.

 

 

 

Um 8 Uhr rollte eine Selbstmordwelle um die Welt. In den großen Metropolen regnete es förmlich Millionäre vom Himmel. Als ihnen ihre plötzliche Armut bewusst wurde, stürzten sie sich reihenweise aus den Fenstern ihrer Hochhäuser hinab auf die Straßen.

 

 

 

Um 9 Uhr erreichte die Kinder die traurige Nachricht, dass der berühmte Milliardär Dagobert Duck in Entenhausen auf dem Boden seines Geldspeichers zerschellt war, als er sein morgendliches Bad nehmen wollte. Denn sogar aus den Büchern und aus den Comics war das Geld verschwunden.

 

 

 

Um 10 Uhr erschienen überall auf der Erde maskierte Menschen vor den Pforten der Geldinstitute. Viele weinten bitterlich. Es waren Bankräuber die sich zu einer weltweiten Trauerkundgebung entschlossen hatten. Sie zündeten kleine Tresorförmige Kerzen an und stellten sich danach scharenweise der Polizei. Psychisch völlig entwurzelt hofften sie in der Geborgenheit einer Gefängniszelle der plötzlichen Sinnlosigkeit ihres Daseins zu entfliehen.

 

 

 

Um 11 Uhr plünderten die Menschen die ersten Geschäfte. Die Diebe stahlen Eier, Milch, Brot, Butter, Mehl und Fleisch. Die Angst vor einer Hungersnot ging um. Armbanduhren, Juwelen, Computer blieben unberührt. Was vor wenigen Stunden noch sehr wertvoll war, war plötzlich nutzloser Tand.


.... Fortsetzung vielleicht in meinem nächsten Buch ...