Auszug aus der Geschichte

Eine schöne Bescherung

Ein Weihnachtsmärchen

An jenem Weihnachtsabend riss dem Christkind die Geduld.

Der Engelchor sang gerade Stille Nacht.

Doch still war diese Nacht nicht.

Das Christkind konnte kaum ein Wort von dem verstehen, was die gold gelockten Engel auf ihrer Wolke vor ihm trällerten – denn von unten, von der Erde her, tönte ein gewaltiges Dröhnen und Krachen und Donnern und Schreien und Wehklagen herauf. Das Christkind wurde neugierig. Es sank mit seinen Engeln und seiner Wolke ein wenig weiter hinab um zu sehen, was da vor sich ging.

Da zischte plötzlich ein Düsenflugzeug so nahe an der Wolke vorbei, dass der Luftzug dem Christkind die goldenen Locken durcheinander wirbelte und einigen Engeln beinahe die Harfen aus den Händen riss. Sie flatterten vor Schreck so heftig mit ihren Flügeln, dass sie einige ihrer wunderschönen Federn verloren.

Sie fielen zur Erde hinab und...und sofort begannen sich die Menschen darum zu streiten und sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen.


Oben im Himmel sah das Christkind den Piloten streng an und der Pilot starrte auf das Christkind und auf die Engel. Er schaute nicht sehr intelligent drein. Er hatte die Augen weit aufgerissen und den Mund auch.

Schließlich ließ das Christkind die Wolke wieder hoch hinauf steigen in den Himmel - aus der Reichweite der fliegenden Maschinen der Menschen hinaus.

Doch dem Lärm, der von der Erde herauf dröhnte, dem Knattern der  Maschinengewehr-Schüsse, dem Donnern explodierender Bomben und den qualvollen Schreien der sterbenden Menschen konnte sich das Christkind damit nicht entziehen.

So sehr die Engel sich auch bemühten den schrecklichen Krawall mit ihren Liedern zu übertönen, es gelang ihnen nicht.

Da wurde das Christkind sehr zornig und es stampfte wütend mit dem kleinen Fuß auf die weiße Wolke. Und dann wurde es plötzlich sehr traurig, setzte sich hin und weinte bitterlich.

„Nicht einmal heute, an meinem Geburtstag, können sie Ruhe geben“, flüsterte es. „Keine Spur, von Frieden auf Erden. Aber so kann es nicht weitergehen. Es muss etwas geschehen.“

Einen Augenblick lang überlegte das Christkind ernsthaft ob es nicht erneut zur Erde kommen sollte – sofort auf der Stelle, in einer Krippe in einem Stall wie damals, vor mehr als 2000 Jahren. Es würde warten, bis der Stern die Menschen zu Tausenden herbeigelockt hatte – und dann würde es ihnen eine Strafpredigt halten, die sich gewaschen hatte. Das Christkind war schon drauf und dran seinen Plan in die Tat umzusetzen, als sich ein unbequemer Gedanke in seinen Kopf stahl.

Was ist wenn niemand zuhört?

Oder noch schlimmer: Was ist wenn überhaupt niemand kommt?

Das Christkind seufzte.

Die Menschen hatten soviel mit ihren Geschäften und ihren Kriegen zu tun -  vermutlich würden sie den Stern nicht einmal bemerken.

Und wenn doch, dann würden sie ihn für ein natürliches Phänomen halten - möglicherweise auch für einen Kometen, der sich anschickte ihnen auf den Kopf zu fallen. Aber das Christkind wollte die Aufmerksamkeit der Menschen – keine Massenpanik.

Nein, es musste sich etwas anderes einfallen lassen.

Die Zeiten hatten sich geändert. Und andere Zeiten erforderten andere Maßnahmen. Drastisch mussten sie aber sein, das war dem Christkind klar, denn sonst würde sich auf der Erde nichts ändern. 

Das Christkind grübelte eine Weile nach.

Dann fiel ihm plötzlich der Brief ein, den es vor wenigen Tagen von einem kleinen Jungen erhalten hatte. Es las ihn, dachte lange darüber nach ... und las ihn noch einmal.

Und dann lächelte das Christkind.

Ja, das war es. Es würde den Wunsch dieses Jungen erfüllen. 

Sofort setzte es sich auf eine kleine Wolke, nahm einen großen Sack Sternenstaub und machte sich auf den Weg rund um die Erde. Und über jedem Land, jeder Stadt, jedem Dorf streute es ein wenig davon aus.

Und allmählich wurde es ruhig auf der Erde.

Und als das Christkind seine Runde beendet hatte, war die stille Nacht tatsächlich still.

So still wie seit Jahrzehnten nicht mehr ...!

 

Unten auf der Erde in irgendeiner Wüste, starrte der General den Soldaten, der gerade in sein Zelt getreten war, wütend an.

Konnte es sein, dass die stechende Wüstensonne ihm das Hirn verbrannt hatte?  Was redete der Mann da für einen Quatsch. Oder wollte er ihn vielleicht gar auf den Arm nehmen?

Nein, das würde kein Soldat riskieren und dafür schaute der Leutnant auch viel zu ernst drein -  und zu ängstlich - was kein Wunder war: denn  er hatte sich schließlich ausrechnen können, dass seine Nachricht den General sehr zornig machen würde.

Der General wollte zufrieden lächeln – er mochte es, wenn seine Leute Angst vor ihm hatten -  doch es gelang ihm nicht zu lächeln. Er lachte so selten, dass die Muskeln seiner Mundwinkel längst die dafür nötigen Bewegungen verlernt hatten. Er brachte nur eine schiefe Grimasse zustande, die dem Leutnant allerdings noch mehr Angst einflößte. Er duckte sich, fast wie ein Hund, der Schläge erwartet.

„Sagen Sie das noch einmal!“, sagte der General langsam.

Der Soldat zitterte.

Er war der Verzweiflung nahe ... und einem Weinkrampf.

„Unsere Panzer, unsere Gewehre, unsere schönen Bomben, sie alle ...“, stammelte er und verstummte dann hilflos ... „aber am besten sie sehen sich das einfach selber an ...!“, sagte er schließlich.

Der General nickte grimmig. Aus diesem nervösen Burschen würde er ohnehin keine brauchbare Information herausholen können. Er schritt an dem Soldaten vorbei, dem Zeltausgang zu. Er schlug die Plane zur Seite, trat hinaus in die Wüste und blieb wie angewurzelt stehen.

„Nein!“ murmelte er. „Nein, das kann nicht sein!“

Auf den ersten Blick schien alles unverändert. All seine schönen Panzer und Kanonen standen noch immer da draußen ... doch sie hatten sich drastisch verändert: sie waren nicht mehr aus Stahl – sondern aus ... Marzipan und Schokolade.

Die Soldaten waren aus ihnen heraus geklettert und starrten die Maschinen kopfschüttelnd an und viele blickten auch verwirrt auf die Gewehre und Pistolen in ihren Händen, die plötzlich zu Lebkuchen geworden waren.

Und der General sah, dass manch einer verstohlen den Lauf seiner Pistole in den Mund steckte und abbiss.

Das brachte ihn fast zur Weißglut.

Eine Pistole aufzuessen, dass grenzte in seinen Augen an Landesverrat.

Am liebsten hätte er in diesem Moment seine eigene Pistole genommen und den Erstbesten dieser Schleckermäuler niedergeschossen – um ein Exempel zu statuieren. Aber das ging nicht, denn auch seine Pistole war zu Lebkuchen geworden – und der duftete, wie der General zugeben musste,  ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet ... geradezu wunderbar.

Und plötzlich ertappte sich der General dabei, wie er sich selbst ein Stück seines ehemaligen Schießeisens in den Mund stopfte. Und er konnte nicht anders, als begeistert zu kauen. Es schmeckte einfach großartig.

Aber dann blieb ihm der Bissen fast ihm Hals stecken.

Jetzt verstand er.

Das war ein Angriff.

„Welche schreckliche Waffe, haben unsere Feinde da ersonnen. Sie verwandeln unsere Ausrüstung in Schokolade und untergraben zugleich die Moral der Truppe!“, murmelte er.

Der General wusste, wenn der Gegner jetzt angriff, und das würde er ohne Zweifel tun, dann waren sie ihm hilflos ausgeliefert.

Und da glaubte der General den Feind auch schon kommen zu hören.

Tatsächlich erklang nicht weit vom Lager entfernt, noch versteckt hinter einer Düne das Stampfen vieler Füße - und das Gewirr vieler Stimmen wehte zum General herüber.

Er schüttelte verächtlich den Kopf. Was mochte das für ein undisziplinierter Haufen sein, der da auf sie zu stürmte. Bei einem Angriff gab es nichts zu reden.

Und dann sah er die gewaltige Menschenmenge, tausende und abertausende Leiber, die im Laufschritt auf das Lager zueilten.

Der General  wollte seinen Soldaten den Befehl zum Feuern erteilen: Da fiel ihm gerade noch ein, dass das sinnlos war: Lebkuchen und Schokoladepanzer eignen sich nicht sehr gut zum Kämpfen.

Jetzt blieb ihm nur noch eines: In Würde zu sterben.

Und vielleicht mit einem süßen Geschmack im Mund.

Der General biss nochmals von seiner Pistole ab.

Dann war die fremde Armee heran. Der General ballte die Fäuste, bereit sich im Nahkampf mit bloßen Händen bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

Doch die, die da heran stürmten, kümmerten sich überhaupt nicht um ihn. Denn es waren keine feindlichen Soldaten die da sein Lager überrannten – sondern tausende und abertausende Kinder.

Sie alle stürzten sich auf die Schokoladenpanzer, die Marzipan-Kanonen und die Lebkuchen-Munition und fingen an, sie aufzuessen.

Hilflos musste der General zusehen, wie ein Panzer nach dem anderen in winzige Stücke zerrissen wurde und in erschreckendem Tempo in den Mündern der Kinder verschwand. Sie waren wie die biblischen Heuschrecken, die Ägypten heimsuchten.

Als sie abzogen, blieben nur die Männer und die Zelte zurück. Die Panzer und Kanonen waren verschwunden.

Der General sank in den Sand und begann plötzlich zu weinen.

Sein ganzes Leben schien ihm keinen Sinn mehr zu haben.

Sein Blick fiel auf die Lebkuchenpistole, die er noch immer in den Händen hielt.

Die hatten die Kinder übersehen.

Und vor lauter Kummer aß er sie nun selbst zu Ende...!

 

Wie diesem General erging es allen Militärs auf der ganzen Welt. Denn alle Waffen, die es auf der Erde gab, verwandelten sich an diesem heiligen Abend in Schokolade, Marzipan oder Lebkuchen. Und wie aus dem nichts tauchten selbst auf  abgelegenen Militärstützpunkten, in Untersee-Booten, tausende Meter unter dem Meeresspiegel, in geheimen Forschungslabors, ja selbst auf bewaffneten Raumstationen Kinder auf und verschlangen die Waffen: Sie vernaschten Kampfflugzeuge, überrannten Raketenbasen und aßen die ehemaligen Sprengköpfe, brachen in Munitionslager ein und stopften sich mit Schokoladepatronen voll ...!

Es war ein Festschmaus für die Kinder dieser Welt. Jedes konnte essen, soviel es hinunterbrachte, und manche aßen auch noch mehr.

Das Christkind, saß oben im Himmel auf seiner Wolke und sah zu und es freute sich über den kräftigen Appetit der Kinder. Zugleich hatte es aber auch ein wenig Gewissensbisse wenn es an ihre Zähne und an verdorbenen Mägen dachte – doch nur ein ganz klein wenig ...

 

In jener heiligen Nacht verschwanden alle Waffen von dieser Erde. Und das für alle Zeiten. Denn es gelang den Menschen nicht, neue zu bauen. Jeder Panzer, jedes Flugzeug, jede Kanone, jede Bombe, jede Pistole die von den Fließbändern der Waffenfabriken rollte, wurde augenblicklich zu Marzipan, Schokolade oder Lebkuchen. Auch Messer und andere Gegenstände, die die Menschen als Waffen gegen Artgenossen einsetzen wollten, verwandelten sich auf der Stelle in Süßigkeiten. 

Schließlich wurde den Menschen klar, dass sie lernen mussten, ihre Konflikte anders zu lösen, als mit Waffengewalt. Denn mit Pistolen, Panzern und Bomben aus Marzipan, Schokolade und Lebkuchen, das begriffen die Politiker bald, ließ sich schlecht Krieg führen.

Aber vielleicht half es ja, wenn man miteinander redete...!

 

Der General, der da am heiligen Abend in der Wüste stand und auf seiner Marzipanpistole herumkaute, wusste noch nichts von dieser globalen Entwicklung. Und doch ahnte er schon, dass sich die Welt in dieser Nacht grundlegend verändert hatte und er war ein wenig verzweifelt, weil er befürchtete, seinen Beruf zu verlieren und er hatte doch nichts anderes gelernt außer Soldat zu sein ...!

Aber als er das letzte Stück von seiner Lebkuchenpistole  aß, da kam ihm plötzlich in den Sinn, dass es vielleicht ganz toll wäre sich auf Zuckerbäcker umschulen zu lassen.

Wieder schaute er dorthin wo vor wenigen Stunden noch Panzer und Geschütze gestanden hatten – zum Kampf bereit. Doch da war nur mehr Wüstensand.

„Das ist eine schöne Bescherung“, murmelte der General kopfschüttelnd.

Das Christkind oben im Himmel hörte seine Worte.

Und es nickte und lächelte zufrieden.

Es fand auch, dass das eine schöne Bescherung war.

Die schönste Bescherung seit 2000 Jahren ...!