Distelbauers letzte Weihnachten

 

Es war nicht sicher, ob der alte Franz Huber, der sich selbst Distelbauer nannte, nach dem Distelhof, den er bis zu seiner Pensionierung bewirtschaftet hatte, dieses Weihnachtsfest noch erleben würde. Der Name Distelhof war ein wenig irreführend, denn die Felder und Wiesen, die zu dem Anwesen gehörten, waren alles andere als karg und hatten ihn, seine Maria und ihre Tochter Julia immer gut ernährt. Dass der Distelbauer im Sterben lag, wusste er und das wussten auch alle anderen im Altersheim, wie es im Volksmund immer noch hieß, obwohl es zuerst in Pflege- und Betreuungszentrum und später in Seniorenresidenz umbenannt worden war. Heutzutage brauchte eben alles von Zeit zu Zeit ein neues Mascherl. Dem Distelbauer war das egal. Er hatte das Altersheim bei seinem Einzug mit dem ihm eigenen schwarzen Humor „Pension Friedhofsblick“ getauft und sah keinen Grund, daran etwas zu ändern. Denn wohin er von hier aus übersiedeln würde, war sonnenklar. Und der Umzug rückte immer näher, denn sein Lungenkrebs war weit fortgeschritten, und ihm blieben nur noch Wochen, vielleicht Tage.

 

„Weihnachten würde ich aber schon gerne noch einmal erleben“, sagte der Franz öfter, auch wenn er sonst weit davon entfernt war, mit seinem Schicksal zu hadern. Als der Arzt ihm die schlechte Botschaft, dass er nun austherapiert sei, überbrachte, hatte er nur mit den Achseln gezuckt. „Ich freue mich darauf, meine Maria wieder zu sehen und irgendeinen Tod muss man sterben. Ich bin 91 Jahre alt und schon lange bereit, zu gehen“, sagte der Distelbauer und fügte nicht ganz ohne Schadenfreude hinzu: „Wissen Sie, die meisten, die mir prophezeit haben, dass mich das Rauchen umbringen wird, sind längst unter der Erde.“ Zwar hatte der Franz nie im Leben jemandem etwas Schlechtes gewünscht, aber ein wenig amüsierte es ihn schon, dass er all die Gesundheitsapostel, die ihn zu einem anderen Lebenswandel bekehren wollten, lange überlebt hatte. Zum Beispiel seinen Cousin, den Egon, einen Vegetarier und Marathonläufer. Der war mit 55 Jahren an dem Herzinfarkt gestorben, vor dem er den Distelbauer immer gewarnt hatte.

 

Auch wenn der Franz selbst das Rauchen zeitlebens nicht lassen konnte, hatte er seine beiden Enkel in ihrer Pubertät doch beschworen, nie damit anzufangen. Es hatte ihn zwar nicht frühzeitig umgebracht, doch er musste einen hohen Preis dafür bezahlen, einen sehr hohen. Aber das hatte der Distelbauer erst erkannt, als es zu spät war. Seine Frau, die Maria, hatte dem Franz, nachdem ihre Tochter zur Welt gekommen war, ein Ultimatum gestellt. „Entweder du hörst mit dem Rauchen auf oder du ziehst aus dem Schlafzimmer aus. Die früheste Erinnerung unserer Julia an ihren Vater soll nicht die sein, dass er stinkt“, hatte sie gesagt und ihm gleich in allen Räumen, in denen die Kleine sich künftig aufhalten würde, ein striktes Rauchverbot erteilt. Damals hatte der Distelbauer wirklich versucht, aufzuhören, aber es letztlich dann doch nicht geschafft. Also war ihm nichts übriggeblieben, als murrend ins Gästezimmer zu übersiedeln. Maria hatte sich sehr gegrämt und eine Zeitlang war ihre Beziehung frostig gewesen, aber schließlich hatte sie ihm verziehen. Ins Schlafzimmer durfte er allerdings auch nicht mehr zurück, als ihre Tochter längst ins Kinderzimmer übersiedelt war. Nur wenn Maria befand, dass es wieder einmal an der Zeit sei, dass sie ihre ehelichen Pflichten erfüllten, ließ sie ihn ein, und das auch nur, wenn er sich davor gründlich gewaschen hatte. Bei ihr schlafen durfte er nicht. „So ist das halt, wenn man zwei Geliebte hat. Dann kann man keine ganz haben“, sagte sie streng, wenn er protestierte, und das nahm dem Franz jedes Mal den Wind aus den Segeln. Denn es stimmte ja, was die Maria sagte, der Tabak war neben seiner Frau die zweite große Liebe in seinem Leben und auf beide konnte er nicht verzichten. „Ich bin ein hoffnungsloser Bigamist“, dachte er manchmal schuldbewusst. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich selbst als süchtig zu bezeichnen. Er liebte die Maria und er liebte seine Zigaretten. So war das halt.

(Textauszug, alle Rechte beim Verlag).

 

Quelle: Hermann Knapp, Kein Weihnachten ohne Würstel, Verlag am Rande, 2021.


Die zweite Chance

 

Punkt Mitternacht an diesem Weihnachtstag verschwand alles Geld aus dieser Welt. Es löste sich auf. Einfach so. Kein noch so gutes Versteck bot Schutz. Das Geld verschwand aus Sparschweinen, aus Spar-Strümpfen, aus Nachttöpfen, aus hohlen Bettbeinen, aus Bienenhütten, aus Terrarien voll mit giftigen Schlangen, ja sogar aus dem Geheimfach in der Silikonbrust einer Prostituierten, die dort ihren Notgroschen aufzubewahren pflegte. Eine Minute lang hielt die Welt den Atem an.

 

Eine Minute nach Mitternacht brach das Chaos aus. In den Polizeistationen begannen die Telefone verrückt zu spielen, in den Banken heulten die Alarmsirenen und in Restaurants kam es zu wüsten Schlägereien zwischen Kellnern und Gästen, weil diese plötzlich ihr Essen nicht mehr bezahlen konnten. Ein Bankdirektor, der just in dem Moment den Safe aufmachte, als das Geld verschwand, riss erschrocken die Arme in die Höhe, öffnete den Mund zu einem schrillen Schrei – und versteinerte vor Entsetzen. Später wurde er auf einem öffentlichen Platz aufgestellt. Als ewige Erinnerung an diesen Augenblick, der die Welt veränderte.

 

Um 1 Uhr schwebte die Erde am Rande eines atomaren Vernichtungskrieges. Die Staatschefs waren durch die ungeheuerliche Nachricht aus dem Bett, vom Mittagstisch und sogar aus dem Bordell geholt worden. Sie alle waren deshalb übel gelaunt und beschuldigten sich gegenseitig, mit einer neuen Waffe das Geld zum Verschwinden gebracht zu haben. Einige Daumen schwebten nur Millimeter über den roten Knöpfen, mit denen sie die Atomraketen starten konnten.

 

Um 2 Uhr war die akute Krise überstanden. Inzwischen war klar geworden, dass alle Länder von der Katastrophe betroffen waren.

 

Um 3 Uhr herrschte völlige Ratlosigkeit. Auch die Wissenschaftler hatten keine Erklärung für das Verschwinden des Geldes anzubieten.

 

Um 4 Uhr versuchten die ersten Staaten neues Geld zu drucken. Doch die Scheine und Münzen verschwanden im selben Augenblick, in dem sie aus den Druck- und Prägemaschinen kamen.

 

Um 5 Uhr war klar, dass es unmöglich war, neues Geld herzustellen.

 

Um 6 Uhr kam die Hiobsbotschaft, dass auch alle Goldvorräte von dieser Erde verschwunden waren – überhaupt alles, was sich als Zahlungsmittel verwenden ließ.

 

Um 7 Uhr erklärten die Regierungschefs aller Länder in nie gekannter Eintracht den globalen Notstand. Angesichts dieser weltweiten Katastrophe müsse man nun zusammenarbeiten, hieß es in ihrem Kommuniqué. Alle Streitigkeiten seien bis auf Weiteres eingestellt.

(Textauszug, alle Rechte beim Verlag).

 

 

Quelle: Hermann Knapp, Kein Weihnachten ohne Würstel, Verlag am Rande, 2021.