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Ausbreitung

 

Die Quarantäne Zethausens dauerte nur zwei Wochen. Dann wurde sie aufgehoben, weil sie sinnlos geworden war. Zwar vermuteten die Experten noch immer, dass die Verbreitung des Ambrosia-Virus in der Kleinstadt ihren Ausgang genommen hatte, aber das spielte längst keine Rolle mehr. Denn die ›Krankheit‹ hatte inzwischen die Grenzen der Stadt und auch des Landes übersprungen. In Deutschland, Frankreich und Norwegen gab es erste Opfer. Bei vielen ließ sich direkt oder indirekt eine Verbindung nach Zethausen herstellen. Entweder waren die ›Erkrankten‹ selbst dort gewesen, oder sie hatten Kontakt mit jemand gehabt, der die Stadt besucht hatte. Die österreichische Regierung musste sich von anderen Ländern den Vorwurf gefallen lassen, nicht schnell und vor allem nicht konsequent genug auf die Bedrohung reagiert zu haben, wies das aber natürlich entschieden zurück. Man habe alle nötigen Maßnahmen ergriffen, nachdem die Gefahr erkannt worden sei, hieß es in einer Stellungnahme an die EU-Kommission.

 

Tatsächlich war der Vorwurf himmelschreiend ungerecht. Denn wie hätte man eine Seuche rechtzeitig entdecken und ihre Ausbreitung verhindern sollen, die ein völliges Novum in der Menschheitsgeschichte darstellte? Die Europäische Union hatte inzwischen eine Pandemie-Warnung ausgegeben, doch die Behörden waren einigermaßen ratlos. Wie sollten sie Infizierte erkennen? Die ›Erkrankung‹ trat ja erst zutage, wenn die Betroffenen eines gewaltsamen Todes starben. Niemand wusste, welche Schutzmaßnahmen gegen eine Ansteckung mit dem Ambrosia-Virus ergriffen werden sollten. Trotz der unklaren Lage kam es zu keiner Panikreaktion der Bevölkerung – sogar in Zethausen schien sich die Angst der Menschen in Grenzen zu halten. Offenbar war eine Krankheit, die verhinderte, dass man starb, weniger schrecklich und bedrohlich, als eine Seuche, die grausames Siechtum und Tod bedeutete.

 

In heller Aufregung waren allerdings die Religionsgemeinschaften. Wenn die Menschen nicht mehr starben, dann verlor der Glaube an ein besseres Sein nach dem Tod jegliche Grundlage und natürlich auch die Lehre von der Wiedergeburt. Der erzkonservative Papst, der erst seit einem Jahr im Vatikan residierte, und der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Fehler seines – in seinen Augen allzu progressiven – Vorgängers zu korrigieren und seine Schäfchen wieder auf den rechten Weg zu bringen, hatte bereits eine Stellungnahme zum Ambrosia-Virus abgegeben. Darin sprach er von einem Angriff des Teufels auf die Fundamente der katholischen Kirche und bezeichnete all jene, die nicht sterben konnten, als ›Gefahr für den wahren Glauben‹! Aufrechten Christen könne kein solches Schicksal widerfahren, verkündete er ex cathedra, um seine Schäfchen zu beruhigen. Doch schon am Tag danach ›erkrankte‹ in Rom der erste Kardinal. Er stürzte über eine Treppe im Vatikan, brach sich das Genick, und lebte dennoch weiter. Bei genauer Nachforschung stellte sich heraus, dass er einige Wochen zuvor ein Schreiben aus Zethausen bekommen hatte – was die Frage aufwarf, ob sich das Virus vielleicht sogar durch Briefe verbreitete. Das österreichische Postmanagement trat nach Bekanntwerden des Vorfalls sofort zu einer Krisensitzung zusammen, entschloss sich dann aber einstimmig, den Fall als tragische Ausnahme abzutun und den Werbeslogan "Die Post bringt allen was" auch weiterhin beizubehalten.

 

Auf einem arabischen Sender verkündete ein konservativer islamischer Glaubensführer, dass Allah nur die Ungläubigen strafe, ein strenggläubiger Moslem habe nichts zu befürchten. Doch schon am nächsten Tag kam er bei einem Autounfall ums Leben – und musste feststellen, dass er selbst auch nicht sterben konnte. Gottes Strafe – wenn es denn eine war – machte also keinen Unterschied im Glauben.